Deutschland kann es anpacken

Innovation bedeutet, dass viele Versuche scheitern. Wenn aber Fehlschläge wie hierzulande überproportional teuer werden, macht das Risikokapital unattraktiv. Was wir brauchen, ist ein neuer Umgang mit Risiken in der Wirtschaft.

Von Prof. Dr. h.c. mult. Roland Koch

Europa – und besonders Deutschland – verliert bei privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung zunehmend den Anschluss. Das gilt vor allem für digitale Schlüsseltechnologien. Während wir in den USA massive Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien sehen und China mit Tempo nachzieht, werden hierzulande wichtige Zukunftsprojekte gebremst. Wir sind gut beraten, uns schnell über die Gründe im Klaren zu werden.

Die beiden französischen Unternehmer und Analysen Oliver Coste und Yann Coatanlem haben dazu eine spannende und sehr überzeugende Arbeit in der Policy-Papier-Reihe unseres Berliner Ludwig-Erhard-Forums vorgelegt. An den Ergebnissen möchte ich sie heute teilhaben lassen.

Entgegen dem ersten Gedanken, der auch mir bei der Suche nach den Schwächen auf unserem Kontinent kommt, liegt es weniger an schwachen Kapitalmärkten oder an der manchmal vermissten Gründungsmentalität, sondern an einem anderen, spezifisch europäischen Problem: Es sind die hohen Kosten des Scheiterns. In großen Unternehmen treffen Fehlentscheidungen oder notwendige Anpassungen auf ein arbeitsrechtliches Umfeld, das Restrukturierungen teuer, langwierig und riskant macht. Genau jene Flexibilität, die für technologische Innovationen notwendig wäre, wird damit blockiert.

Die hohen Kosten des Scheiterns verhindern mutige Investitionen

„Schätzungen zufolge scheitern etwa 80 Prozent der von großen Technologieunternehmen gestarteten Projekte. In diesem Zusammenhang werden die Kosten des Scheiterns zu einem kritischen Element in der Rentabilitätsanalyse.“, schreiben Coste und Coatanelem. Innovation bedeutet jedoch, dass viele Versuche scheitern, eben gerade in Großunternehmen, die parallel eine Vielzahl riskanter Projekte starten – oft mit disruptiven Technologien. In den USA kann ein Portfolio von fünf Projekten trotz vier Fehlschlägen rentabel sein, weil Schließungen schnell und kalkulierbar ablaufen. In Europa hingegen kippt dieselbe Logik ins Negative, sobald jeder Fehlschlag überproportional teuer wird, weil die Ressourcen nicht schnell genug in die erfolgreichen Projekte umgeschichtet werden können. Unternehmen investieren dann lieber gar nicht erst in das riskante Projekt und verpassen so Innovations- und Renditechancen. Diese Verzerrung betrifft ebenso Start-ups. Hier scheuen die Investoren erwartbare Restrukturierungskosten, was Exit-Erlöse drückt und Risikokapital teuer und unattraktiv macht. Gerade gegenüber den USA kann man über den Verlauf einiger Jahre genau diese Schwäche nachweisen.

Die jüngste Korrektur im Technologiesektor hat die Unterschiede sichtbar gemacht. US-Konzerne reduzierten Belegschaften innerhalb weniger Wochen und schichteten Milliarden in neue KI-Infrastrukturen um. Europäische Unternehmen kündigten zwar ähnliche Programme an, mussten aber hohe Rückstellungen bilden und langwierige Verfahren durchlaufen. Diese Verzögerungen – häufig zwei bis drei Jahre – verhindern die zügige Umgruppierung von Teams und Kapital in wachstumsstarke Felder. In dynamischen Märkten ist dies oft genau der entscheidende Wettbewerbsnachteil.

Die Daten von Coatanlem und Coste belegen, dass die europäische Innovations- und Produktivitätslücke zu einem erheblichen Teil auf diese Blockaden zurückgeht.

Wir brauchen einen neuen Umgang mit Risiken in der Wirtschaft

Gerade bei uns in Deutschland sind die notwendigen Anpassungen an riskantere Unternehmungen mit hohem Einsatz von Arbeit und Kapital nur schwer zu vermitteln. Auch in aktuellen politischen Debatten sehen wir, dass Sicherheit – sei es bei Kapitaleinlagen oder bei Arbeitsplätzen– zum obersten Prinzip erhoben wird. Aber dieses Denken ist sehr kurzsichtig. Verlust von Kapital und Arbeitsplätzen ist zugleich die Chance auf hohe Gewinne und Wachstum an Unternehmen und Jobs andererseits. Wir brauchen gezielte Reformen, die mehr Risikokultur ermöglichen, ohne zu überfordern.

Schritt 1: Flexicurity à la Dänemark

So gibt es in den Vorschlägen von Coste und Coatanelem eine Reformidee, die zum einen das europäische Sozialmodell erhalten und zum anderen die Agilität und Resilienz großer Unternehmen erhöhen könnte. Dabei würden nach dem dänischen Flexicurity-Modell gut bezahlte Fachkräfte – häufig Träger disruptiver Innovation – sehr einfachen und flexiblen Kündigungsschutzregeln unterliegen und über eine großzügige Arbeitslosenunterstützung geschützt. Diese besonderen Regelungen betreffen nur die obersten fünf bis zehn Prozent des Lohngefüges. Das wäre gut verkraftbar. In der Finanzindustrie gibt es für ein solches Modell in Deutschland seit 2019 bereits entsprechende gesetzliche Ausnahmeregelungen, die man verallgemeinern sollte. So könnten Unternehmen schneller Projekte schließen oder neue Teams aufbauen, ohne in juristische Ausnahmezustände zu geraten. Die Skalierung erfolgreicher Innovationen würde erleichtert – möglicherweise mit Kapital aus den USA, das heute Europa auch wegen der arbeitsrechtlichen Blockaden meidet.

Schritt 2: Ein portables Vorsorge- und Trennungskonto à la Österreich

Österreich hat mit seinem Abfertigungskonto vorgemacht, wie sich Abfindungen planbar gestalten lassen. Ein weiterentwickeltes Modell für Hochqualifizierte würde laufende Arbeitgeberbeiträge ansparen, sodass im Trennungsfall keine großen Einmalbelastungen entstehen. Das reduziert Verhandlungsspannen, erhöht Transparenz und verkürzt Verfahren – ein wichtiger Faktor für schnellere Anpassungen.

Schritt 3: Flexiblere und längere Probezeiten, damit es passt

Strenge oder kurze Probezeiten erschweren die Evaluierung neuer Profile. Unternehmen reagieren darauf mit Risikovermeidung und bevorzugen lieber mit dem bestehenden Personal vorsichtige und schrittweise Innovation. Das führt aber zum bereits erwähnten Zeitverlust im Wettbewerb. Längere, beidseitig flexible Erprobungsphasen würden Fehlanpassungen reduzieren und spätere Trennungskosten senken.

Schritt 4: Moderneres privates Insolvenzrecht

Viele Gründerinnen und Gründer können nur mit privaten Sicherheiten starten, oft dem lebenslang Ersparten oder gar dem Häuschen von Eltern oder Großeltern. Ein moderneres, schuldnerfreundliches Insolvenzrecht erhöht die Zahl ambitionierter Gründungen und stärkt Innovationsbranchen. Die Autoren zitieren aus US-amerikanischen Studien, die nachweisen, dass Reformen des Insolvenzrechts für Privatpersonen zu einem Anstieg der Anzahl der angemeldeten Patente und der Erstanmeldungen von Unternehmenspatenten führen. Deutschland könnte hier deutlich mutiger vorangehen.

Deutschland kann es anpacken

Eine konsistente Reformagenda könnte das Investitionsklima spürbar verbessern. Unternehmen investieren dann mehr in riskante Portfolios, Venture Capital findet bessere Bedingungen und fließt aus dem Ausland zu, Start-ups wachsen in Deutschland, statt ins Ausland abzuwandern. Sicherlich sind die Vorschläge hier nur ein Ausschnitt. Von der Unternehmensgründung in 24 Stunden bis zu einer das Risikokapital unterstützenden Besteuerung sind viele weitere Schritte zu gehen. Aber die in der Studie gezeigten Schritte wären ein starker Aufschlag, die keineswegs alle politischen Fronten durcheinanderwirbeln würde.

Die Soziale Marktwirtschaft lebt vom Zusammenspiel aus Freiheit und Sicherheit. Wir sichern Menschen – nicht Strukturen. Mutige Investitionen scheitern derzeit nicht an fehlenden Ideen, sondern an hohen Kosten des Scheiterns. Wer diese Kosten senkt und Anpassung beschleunigt, stärkt Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz. Stillstand ist teurer als jede Reform!

Deutschland braucht wieder Mut zum Wagnis. Klare, faire und innovationsfreundliche Regeln schaffen ein Umfeld, in dem Unternehmen Projekte wagen dürfen, gerade weil sie scheitern können. Nur so entsteht Sprunginnovation, die unseren zukünftigen Wohlstand trägt.

Professor Dr. h.c. mult. Roland Koch ist seit November 2020 Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Koch war bis von 1999 bis 2010 Hessischer Ministerpräsident. Altbundeskanzler Ludwig Erhard gründete 1967 die Ludwig-Erhard-Stiftung und gab ihr die Aufgabe, für freiheitliche Grundsätze in Wirtschaft und Politik einzutreten und die Soziale Marktwirtschaft wachzuhalten und zu stärken. Die Stiftung ist von Parteien und Verbänden unabhängig und als gemeinnützig anerkannt. Sie tritt politischem Opportunismus und Konformismus mit einem klaren Leitbild entgegen: Freiheit und Verantwortung als Fundament einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für den mündigen Bürger. Infos

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